Schweizer
Fussball
Peter Schepull: Duelle gegen Maradona, Sieg gegen Brasilien
2. JUNI 2026
Einst als junges Stürmertalent von Rekordmeister GC abgeschoben, schafft es Peter Schepull mit viel Ehrgeiz und über Umwege zum Uefa-Cup-Helden und Nationalspieler und gilt als einer der besten Vorstopper des Landes. Mit zwei Duellen gegen Maradona und einem Sieg über Brasilien schreibt er sich zudem in die Geschichtsbücher des Schweizer Fussballs.
«Wer von GC weggeht, verschwindet in der Versenkung, von dem hört man nichts mehr.» Das sind die Abschiedsworte von GC-Präsident Karl Oberholzer an den jungen Peter Schepull im Sommer 1986, als dieser beschliesst, nach einer Saison ohne Einsatz in der NLA, GC den Rücken zu kehren. Die Worte verletzen den jungen Fussballer im Stolz. Sie stacheln ihn aber auch an, es noch einmal zu versuchen. So erzählt es Schepull später dem «Sport». Und er wird es noch allen beweisen.
Aber der Reihe nach. Schepull kommt am 7. Juni 1964 in Rapperswil SG zur Welt und wächst an der Attenhoferstrasse im benachbarten Jona auf. Er turnt im TSV Jona, spielt Handball und Eishockey. Aber vor allem spielt er Fussball. Jeden Tag wird der Thek nach der Schule in die Ecke geschmissen, um stundenlang auf der Strasse den Ball aufs Garagetor zu schiessen. Er habe als typischer Strassenfussballer begonnen, erzählt er später der «Linth-Zeitung». Mit neun Jahren tritt Schepull dem FC Rapperswil bei (die Namensänderung mit dem Zusatz Jona erfolgt erst 1978), mit 15 debütiert er in der 1. Mannschaft. Drei Jahre später sorgt er in der 2. Liga mit 18 Saisontoren für Rapperswil-Jona für Aufsehen und zieht die Aufmerksamkeit von Hennes Weisweiler auf sich. Die deutsche Trainerlegende hat GC eben erst zum Double geführt. Nach einem kurzen Probetraining engagiert Weisweiler den 19-jährigen Lehrling aus Rapperswil für die Grasshoppers.
Kurz darauf, am 5. Juli 1983, verstirbt Weisweiler überraschend im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt. Der junge Schepull steht auf einmal ohne seinen Befürworter da, in einem Team gespickt mit Stars wie Egli, Ponte, Heinz Hermann, Koller und Sulser. Dennoch bekommt er unter dem neuen Trainer Miroslav Blazevic seine Chancea, als er am 10. September 1983 im Cupspiel in Arbon (6:0) für Jara eingewechselt wird. Nur vier Tage später fliegt er mit der Mannschaft zum Meistercup-Spiel gegen den sowjetischen Meister Dynamo Minsk. Er soll Ladner, der wegen seiner Matura verhindert ist, als linken Aufbauer ersetzen. Die Grasshoppers sind vor 50'000 Zuschauern im Dynamo-Stadion völlig unterlegen und können sich mit der 0:1-Niederlage glücklich schätzen. Und Schepull, eben noch im regionalen Fussball unterwegs, steht plötzlich auf der grossen Bühne des Weltfussballs.
Von den vielen Internationalen im GC-Team schaut sich Schepull vor allem von Andy Egli viel ab, seine Fairness im Umgang mit Teamkollegen, aber auch seine Kompromisslosigkeit, wenn es um den Erfolg geht. Schepull sagt dem «Blick» später: «Egli war mein Lehrmeister!» In seiner ersten Saison bei GC kommt er auf 15 NLA-Einsätze und 2 Tore und feiert im Frühjahr 1984 gleich seinen ersten Meistertitel. Beim 1:0-Sieg im Entscheidungsspiel in Bern gegen Servette (Penalty-Tor durch Egli in der Verlängerung) steht Schepull in der Startelf.
Weil Schepull seine Lehre als Maschinenzeichner unbedingt in Rapperswil abschliessen will, fehlt er des öfteren im Training, was seine Aussichten auf einen Stammplatz schmälert. Auch in seiner zweiten Saison kommt er nicht über die Jokerrolle hinaus (13 Spiele, 2 Tore). Als er dann in der Saison 1985/86 unter Timo Konietzka nach zwei Einsätzen im Alpencup gar nicht mehr berücksichtigt wird, kapituliert Schepull und wechselt im Sommer 1986 in die NLB zum SC Zug. In Zug wird er vom ehemaligen GC-Spielmacher «Bigi» Meyer vom Stürmer zum Vorstopper umfunktioniert. Als Verteidiger zeigt er eine überragende Saison (29 Spiele, 5 Tore) und wird 1987 von Hubert Stöckli, Patron des FC Wettingen, mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet. Stöckli strebt mit Wettingen den sofortigen Wiederaufstieg in die NLA an, was auch dank den überragenden 13 Toren von Verteidiger Schepull gelingt. Die Abwehr der Wettinger bilden neben Schepull u.a. Libero Martin Rueda, der sich bei GC ebenfalls nicht hatte durchsetzen können, sowie ein junger Jörg Stiel im Tor.
Nach dem Wiederaufstieg in die NLA stürmen die Wettinger in der Saison 1988/89 in die Finalrunde und qualifizieren sich für den Uefa-Cup. Ein sensationeller Erfolg für den Provinzklub. Schepull ist auch in der NLA ein Schlüsselspieler für Wettingen. Der drahtige Verteidiger gilt als ausdauernd und willensstark. Weil er ein gelernter Stürmer ist, versteht er es, seine Gegenspieler zu antiziperen und muss nicht immer voll auf den Mann gehen, was für die Verteidiger der 1980er-Jahre eigentlich üblich ist. Schepull hat seinen eigenen Stil gefunden und gilt dennoch als äusserst zweikampfstark. Der «Sport» nennt ihn im Oktober 1988 «Die Alternative zu den Knochenbrechern». Schepull hat soeben von Daniel Jeandupeux sein erstes Aufgebot für die Nationalmannschaft bekommen. Das WM-Qualifikationsspiel am 19. Oktober 1988 in Brüssel gegen Belgien (0:1) verfolgt er jedoch noch von der Bank aus. Sein Debüt für die Schweiz gibt er am 7. Juni 1989, seinem 25. Geburtstag, bei der 0:1-Niederlage in Bern gegen die Tschechoslowakei. Zwei Wochen später steht er in Basel beim ersten Schweizer Sieg gegen Brasilien (1:0) ebenfalls auf dem Platz.
Es folgt der wilde Herbst 1989 des FC Wettingen mit dem «Fall Klötzli», wo Schepull ebenfalls in Sion auf dem Platz steht, als nach dem nicht gegebenen Ausgleich in der Nachspielzeit vier FCW-Spieler Schiedsrichter Klötzli mit Fusstritten und Faustschlägen vom Platz jagen. Elf Tage später, am 18. Oktober 1989, steht Wettingen im Uefa-Cup dem grossen Neapel mit Maradona gegenüber. Im Zürcher Letzigrund ringen die Aargauer vor 22'000 Zuschauern den Süditalienern ein beachtliches 0:0 ab und scheiden nach dem 1:1 in Neapel nur wegen eines umstrittenen Penaltys und der Auswärtstor-Regel aus. Ende Jahr folgt mit dem Fall in die Auf-/Abstiegsrunde die grosse Ernüchterung.
Servette überweist dem FC Wettingen im Sommer 1990 eine Ablöse von 700'000 Franken für den Nationalverteidiger. Rekord für einen Schweizer Inlandstransfer! Der athletische und vielseitige Schepull passt perfekt ins Schema von Trainer Gilbert Gress, der die Genfer wieder in den Europacup führen soll. Im Team der Grenats stehen Hochkaräter wie Lucien Favre und Türkyilmaz sowie seine ehemaligen GC-Mitspieler Heinz Hermann und Schällibaum. Trotz Star-Equipe werden die Genfer nur Siebter, und Gress zieht nach Strassburg weiter.
Am 28. April 1992 bestreitet Schepull bei der 0:2-Niederlage in Bern gegen Bulgarien sein letztes von 22 Länderspielen (1 Tor). Bei Servette stösst Andy Egli zum Team, und so spielt Schepull erneut mit seinem alten «Lehrmeister» zusammen, als Servette 1994 unter Trainer Ilja Petkovic den ersten Meistertitel seit 15 Jahren feiern kann. Für Schepull schliesst sich mit dem zweiten Meistertitel seiner Karriere der Kreis. Er hat es allen gezeigt. Ein Jahr später tritt er nach einer missratenen Saison von Servette und dem Fall in die Auf-/Abstiegsrunde mit nur 31 Jahren vom Spitzenfussball zurück.
Der Weggang aus Genf bleibt wegen finanziellen Streitigkeiten nicht frei von Missklängen. Schepull lehnt ein Angebot des FC Lugano ab und kehrt mit seiner Jugendliebe und Ehefrau Roswitha nach Rapperswil zurück, wo ihm der Klubpräsident seines Stammvereins Rapperswil-Jona den Einstieg ins Immobilien-Business eröffnet. Dem FC Rapperswil-Jona verhilft Schepull als torgefährlicher Abwehrchef 1996 zum erstmaligen Aufstieg in die 1. Liga. Nach zwei weiteren Jahren in der obersten Amateurliga hängt er die Fussballschuhe endgültig an den berühmten Nagel.
Schepull hatte während seiner Spielerkarriere immer an die Zukunft gedacht und seine berufliche Weiterbildung nie vernachlässigt. In der NLB war er noch seinem Beruf als Maschinenzeichner nachgegangen, musste diesen als Profi in der NLA aber aufgeben. Er nutzte dann seine reichlich vorhandene Freizeit als Profifussballer, um Fernkurse in Marketing zu belegen und Grafiken für Werbeagenturen zu erstellen. Ausserdem installierte er bei Servette das Computersystem des Vereins. Ein selber entwickeltes Zimmer-Reservationssystem verkauft er an ein Hotel. Diese Erfahrungen kommen ihm nun im Berufsleben zugute. Er macht Karriere als Immobilienspezialist und gehört bald der Geschäftsleitung der J.H. Kunz Treuhand in Zürich an.
Schepull verstirbt unerwartet am 27. Mai 2026, kurz vor seinem 62. Geburtstag, zuhause in Meilen ZH am Zürichsee.
PETER SCHEPULL
SUI
geb. 7. Juni 1964 in Rapperswil SG
gest. 27. Mai 2026 in Meilen ZH
Position: Vorstopper, früher Mittelstürmer
International: 22 Länderspiele, 1 Tor für die Schweiz (1989-92)
Palmarés: Schweizer Meister 1984 mit GC und 1994 mit Servette, Aufstieg NLA 1988 mit Wettingen
Quellen:
- Unterschiedliche Erfolgsaussichten der Schweizer. NZZ, 14. Sep. 1983, S.53
- Meister GC in Minsk nur knapp unterlegen. NZZ, 15. Sep. 1983, S.51
- Die Alternative zu den «Knochenbrechern». Sport, 14. Oktober 1988, S.4
- «Egli war mein Lehrmeister!» Blick, 26. Mai 1989, S.18
- «Touche pas à mon salaire!» Tribune de Genève, 4. Mai 1991, S.18
- «Je me sens mieux!» Le Matin, 3. Nov. 1991, S.27
- Schepull kämpft gegen eigenen Klub. Blick, 11. April 1995, S.20
- Servette blitzte vor Gericht mit Millionen-Klage gegen Grassi ab. Blick, 2. Sep. 1995, S.17
- «Ein Aufstieg wie im Traum!» Schweiz am Sonntag, 15. Sep. 2013, S.32
- Vielseitig, ausdauernd, willensstark. Linth-Zeitung, 23. Mai 2020, S.33
- Zum Tod von Peter Schepull: Die Klubikone des FCRJ bleibt unvergessen. Linth-Zeitung, 2. Juni 2026, S.19